Die westeuropäische Welt ist sich nicht bewußt, daß sowohl die vernunftmäßige Erkenntnis der Wahrheit als auch der volle künstlerische Genuß notwendig auf der Grundlage einer inneren Daseinstotalität ruhen müssen.
Ivan Kireevskijy, russischer Philosoph, 1852

Max Reger und die Jahrhundertwende um 1900

Musik-Seminar von Gartenhaus Pinneberg und Unitarische Akademie vom 28.-30. Januar 2005 in der Landdrostei Pinneberg


Max Reger (19.03.1873 – 11.05.1916) war im Urteil des Komponisten Paul Hindemith „... der letzte Riese in der Musik“. Nach Regers eigenen Worten, war er es, "der als bewusster Fortschrittler den Strom wieder in das Bett Bach, Beethoven, Brahms geleitet hat“, der „musikalisch gar nicht anders als polyphon denken konnte.“
Ausgegangen ist er von der Romantik und zwar von dem Sonderzweig Brahms. Erst später kam er zu Beethoven und Bach und versuchte, den musikalischen Kern dieser drei Großen im neuzeitlichen Sinne fruchtbar zu machen. So entstand ein Baum, der sich harmonisch, klanglich, kontrapunktisch immer weiter verästelte, bis auch in dem nachromantischen Polyphoniker und Klangschwärmer Reger die Krise der romantischen Musik aufbrach. So steht Reger in der Musikgeschichte als Mitvollender einer Epoche, zugleich als Vorbereiter einer neuen Zeit
Dem vielschichtigen Werk Max Regers werden wir uns nur in einer Auswahl nähern. Der bedeutende Orgel-Komponist steht weniger im Mittelpunkt, dafür aber seine Orchesterwerke, der Lied- und Chorkomponist. Vor allem sollen der Künstler und Mensch aus seiner Zeit heraus eine Aktualisierung und Deutung erfahren.
Dr. Matthias Irrgang (Hamburg) - der im letzten Musik-Seminar „Zugänge zur Musik Russlands“ so sachkundig das „Mächtige Häuflein“ vorstellte – spricht jetzt über Regers Böcklin-Suite. Böcklin war schon um 1900 ein international berühmter Maler. Viele seiner Bilder sind von mythologischen Themen inspiriert. Böcklins „Toteninsel“ hat zahlreiche Komponisten Europas angeregt, darunter Rachmaninow und vor allem Max Reger.
Ulrich Mutz (Remscheid) wird mit einer Hinführung zu ausgewählten Orchesterwerken Regers zu hören sein. Auf seine Moderation des Liederabends dürfen wir gespannt sein.
Rüdiger Pohl (Berlin) führt an Schätze der Gesangskunst, an einstmals berühmte Stimmen heran mit einer Auswahl an Regerscher Liedkompositionen.
Beispielhaft für eine Zeit um die Jahrhundertwende von 1900 soll ein „Klein-Komponist“ von Ilse Rothhämel (Kassel) vorgestellt werden: Gustav Uwe Jenner wurde in Keitum auf Sylt geboren, kam durch die Vermittlung von Klaus Groth nach Wien, wo er der einzige Kompositionsschüler von Johannes Brahms wurde. Mit einem Liederabend „Lied und Lyrik“ werden zwei Künstlerinnen aus Leipzig und Halle zu hören sein: Heike Bader singt Liedkompositionen von Reger, von Gustav und Alma Mahler und Clara und Robert Schumann. Die Pianistin Cathleen George wird die Sängerin begleiten.
Der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Holger Tegtmeyer (Berlin), von dem unlängst das Buch „Breitseite Berlin – Literarische Streifzüge“ bei Artemis & Winkler (siehe auch Artikel unten) erschien, wird ein Kapitel Literaturgeschichte um 1900 vorstellen. Die literarischen Textvorlagen des Liedkomponisten Max Reger dienen sozusagen als Dokumente einer „Zeitanalyse“.
Ilse Rothhämel wird wieder mit interessierten Chorsänger/innen Liedkompositionen aus dieser Zeit erarbeiten und das Ergebnis am letzten Tag im GARTENHAUS – gemeinsam mit der Pianistin Cathleen George - darbieten.
Günter Pahl-Keitum vermittelt mit seinem Beitrag Einblicke in den Lebensweg des Menschen und Künstlers Max Reger.
Mögen in Zeiten der medialen Reizüberflutung und angesichts des Übermaßes an zu hörenden Stilen und Sounds das Werk eines Komponisten Neubegegnung und Vertiefung bieten.
Mit guten Wünschen für Weihnachten 2004 und das kommende Jahr 2005!
Günter Pahl-Keitum

PROGRAMM:

Freitag, 28. Januar 2005

18.00 Uhr: Treffen der ständigen Seminargäste zu einem kl. Abendimbiß im Gartenhaus
19.30 Uhr: Dr. Matthias Irrgang, Hamburg:
Das Auge im Ohr
Max Regers Tondichtungen nach Bildern von Arnold Böcklin
Vortrag - Dias - Musik
20.45 Uhr: Ilse Rothhämel, Kassel:
Chorisches Singen
Am Flügel: Cathleen George


Sonnabend, 29. Januar 2005

09.15 Uhr: Günter Pahl-Keitum, Pinneberg:
Max Reger - Der Mensch und der Künstler in seiner Zeit
Vortrag
10.15 Uhr: Ilse Rothhämel, Kassel:
Chorisches Singen
11.00 Uhr: Ulrich Mutz, Remscheid:
Instrumentieren... da muß man jahrelang mit einem Orchester praktisch arbeiten
Anmerkungen zu exemplarischen Orchesterwerken von Max Reger
Vortrag mit Musikbeispielen
14.00 Uhr: Ilse Rothhämel, Kassel:
Chorisches Singen
15.00 Uhr: Rüdiger Pohl, Berlin:
Das Liedschaffen Max Regers in historischen Aufnahmen
Vortrag mit Musikbeispielen
17.00 Uhr: Ilse Rothhämel, Kassel:
Gustav Jenner - ein fast vergessener Komponist
Vortrag mit Musikbeispielen
20.00 Uhr: Konzertabend in der Landdrostei: Lied und Lyrik
Heike Bader (Leipzig) - Mezzosopran
Am Flügel: Cathleen George (Halle/Saale)
Moderation & Lesungen: Ulrich Mutz (Remscheid)
Lieder von Max Reger, Clara & Robert Schumann, Alma & Gustav Mahler, Gustav Jenner


Sonntag, 30. Januar 2005 im Gartenhaus

09.15 Uhr: Holger Tegtmeyer, Berlin:
Ein Kapitel Literaturgeschichte um 1900 - zu den literarischen Textvorlagen des Komponisten Max Reger
Vortrag
10.15 Uhr: Ilse Rothhämel, Kassel:
Chorisches Singen
11.15 Uhr: Eine Matinee: Chorgesang mit Kompositionen um die Jahrhundertwende
Mit Texten aus Briefen von Max Reger und Dichtungen der Zeit
14.00 Uhr: Seminarende

Tagungskosten:

60,- Euro
45,- Euro Tagungskosten für einen Tag
6,-/3,- Euro Eintritt bei Einzelveranstaltungen

Privatunterkünfte stehen begrenzt zur Verfügung; Schlafmöglichkeiten für Jugendliche im mitzubringenden Schlafsack ohne Berechnung. Hotelunterkünfte können vorbestellt werden und sind vom Teilnehmer direkt zu bezahlen.

Anmeldungen bitte schriftlich an

GARTENHAUS Pinneberg
Günter Pahl-Keitum

Tangstedter Straße 22
25421 Pinneberg

Tel. & Fax: 0 41 01 / 2 24 86

Das Seminar ist bezuschußt von der Carl-Kuhlmann-Stiftung der Unitarischen Akademie e. V.

Artikel zu Holger Tegtmeyer in der "Welt" vom 21.07.2004
Gesichter zu Buchstaben

Wie flaniert es sich mit literarischen Reiseführern durch Berlin? Die Spurensuche einer Spurensuche
von Cosima Lutz

An manchen Tagen zeigt Berlin ein verschränktes Gesicht. Alles sieht gleich aus und flach. Natürlich liegt das im Auge des Betrachters, das vom vielen Starren in den Bildschirm schwächelt, bis es nach Unebenheiten giert und Querbezügen, nach Zufällen, die keine sind, nach Geschichten. Für solche Fälle gibt es jene vielen Berlin-Bücher, die beschreiben, was jeder sehen könnte, wüsste er nur über die Vergangenheiten Bescheid. Der Autor Holger Tegtmeyer kennt das und hat ein Buch verfasst, das Unterschiede verspricht: "Breitseite Berlin. Literarische Streifzüge" (Patmos, 256 S., 19,90 Euro). Das packen wir in die Tasche und fahren los.
An der Friedrichstraße lässt Tegtmeyer erst einmal Franz Hessel zu Wort kommen. Flanieren, schrieb der 1929, sei "eine Art Lektüre der Straße", wobei Menschengesichter, Cafés, Autos und Bäume "zu lauter gleichberechtigten Buchstaben werden, die zusammen Worte, Sätze und Seiten eines immer neuen Buches ergeben". Um "richtig" zu flanieren, setzt er noch hinzu, dürfe man allerdings "nichts allzu Bestimmtes vorhaben".
Das ist jetzt dumm, denn natürlich kann eine Spurensuche nicht ganz absichtslos vonstatten gehen, und das mit den "gleichberechtigten Buchstaben" ist auch nicht so einfach, denn es gibt wichtigere Orte und Menschen und unwichtigere, zumal mit einem literarischen Führer unterm Arm. Betrübt über die Schwierigkeit, Gegenwart und Vergangenheit nicht gegeneinander auszuspielen, spazieren wir zum KaDeWe. Vor dem Gebäude dealte einst Carl Zuckmayer mit Kokain. Botho Strauß nicht. Als der vom "informationsgesättigten und beziehungsschwachen Städter" noch nicht "gelangweilt" gewesen sei, so Tegtmeyer, habe er es geliebt, hier einzukaufen. Man könnte jetzt, wie der Autor, über "Waren und Werte" sinnieren. Oder doch lieber Erdbeeren kaufen.
Wieder hinaus. In der Else-Lasker-Schüler-Straße kann man heute Starthilfekabel erwerben. Tröstlich: Eine in luftige Wallegewänder gehüllte Frau mittleren Alters und mit sanft ergrautem Haar fotografiert eine blaue Graffiti-Mauer, vor der trotzig quietschgelbes Unkraut blüht. Na toll, diese Begegnung mit einer Lasker-Schüler-Wiedergängerin hatte auch Tegtmeyer: "Ein kurzer Blick in das einst so strenge, nun altersmilde Antlitz, und ich dachte: Else Lasker-Schüler - sie lebt." "In ihres Haares Nacht", raunt uns Peter Hille zu, "wandert Winterschnee". Wir spielen Hase und Igel.
Im Café "Einstein" in der Kurfürstenstraße liest ein Herr um die 50 "El Païs". Er hat kurzes dunkles Haar und trägt eine Brille mit kleinen, ovalen Gläsern. Am Nebentisch sitzen zwei jüngere Herren. Sie haben beide kurzes, dunkles Haar und tragen Brillen mit kleinen, ovalen Gläsern. Heftig erzählt der eine von einer traumatischen Mozzarella-Erfahrung beim einstigen Lieblings-Italiener, der andere legt beipflichtend die "FAZ" beiseite.
Also die Nase wieder in die Unterscheidungshilfe Buch gesteckt. Das "Einstein", steht da, war einst "Pilgerstätte der großstädtischen Intelligenz". Fast könnte man wehleidig werden und die junge Elite unterschiedslos aufgeben. Kurt Tucholsky schreibt: "Am Lützowufer 13 ist jetzt eine Dada-Ausstellung zu sehen. Weil wir sonst keine Sorgen haben."
Und auch Tegtmeyer zeigt sich literarischen jungen Zeitgenossen gegenüber skeptisch. Er nennt sie die "Generation Irgendwie", die "ermattet vom Zuviel der Warenangebote" orientierungslos über Orientierungslosigkeit schreibe. Warum es keine literarischen Cafés mehr gebe, fragt Tegtmeyer auch, verschwundene Orte wie das "Café des Westens", das "Romanische Café" oder das "Exil". Und antwortet: weil die Schriftsteller "längst alle zu Geschäftsleuten ihrer Ich-AG mutiert sind"; weil sie "alle das Gleiche sagen und denken und das Zuhören folglich nicht sonderlich lohnt".
Was ist schon teuer und einmalig genug, um hinzuhören, um den Blick daran zu heften? Auf der Heimfahrt in der Trainingsjacken-Tram-Linie 13 quer durch Mitte und Prenzlauer Berg bis nach Weißensee erwähnt Tegtmeyer die Geschichte des Schriftstellers Maximilian Bern, der während der Inflation all sein Erspartes von seinem Konto abhob - mehr als 100 000 Mark. Das reichte gerade noch für eine läppische U-Bahn-Fahrkarte. Er fuhr dann ein letztes Mal quer durch Berlin, schloss sich in seine Wohnung ein und verhungerte.
Zwei Frauen steigen zu, freundlich plaudernd. Mehr passiert nicht, weil Berlin heute ja die Aussage verweigert. Aber der Blick ist frei auf ihr langes, schönes Haar, in denen rötlich das Abendsonnenlicht wandert.



Beitrag zu Holger Tegtmeyer in der "Deutschen Welle":

Holger Tegtmeyer
Breitseite Berlin

Berlin ist abgerutscht. Dauerdepression liegt über der Stadt. Die Euphorie von 1989 ist schnell verhallt, und selbst die Schriftsteller sind nicht mehr das, was sie einmal waren: sie sitzen an ihrem PC in zentralbeheizten Wohnungen und sind mutiert zu "Geschäftsleuten ihrer Ich-AG“. Isoliert anstatt in literarischen Cafés vereint, viel zu übersättigt, um den intellektuellen Kampf mit der Stadt aufzunehmen.
Das Bild, das Holger Tegtmeyer in seinem Buch "Breitseite Berlin. Literarische Streifzüge“ vom derzeitigen Zustand der deutschen Hauptstadt zeichnet, ist düster. In der Vergangenheit, so seine bittere Erkenntnis, hat sich die Literatur noch an Berlin abgearbeitet und gegen die Umstände gekämpft. Heute herrscht Gefechtspause. Auf vierzehn Spaziergängen durch die Stadt erkundet Tegtmeyer diese literarischen Auseinandersetzungen mit der Metropole: wie Autoren sich sinnbildlich an der Mauer die Köpfe blutig schlugen und sie doch nicht bezwingen konnten. Wie die Literaten vom Prenzlauer Berg an Alkohol oder Denunziantentum zerbrachen oder wie Carl Zuckmayer zum Drogendealer vor dem KaDeWe, dem berühmten Kaufhaus des Westens, wurde.
Wo andere es bei Anekdoten und der Aufzählung berühmter Namen belassen, verfolgt Tegtmeyer Schicksale und Zeitläufe. Und schreibt sie spannend und geistreich auf: Das Ende der Lyrikszene um Sascha Anderson liest sich wie ein Doku-Drama. Aus der jüngsten Debatte um den Wiederaufbau des Stadtschlosses entwickelt Tegtmeyer traumartig seine eigene Vision für das umstrittene Bauwerk.
Sein Literaturführer wird somit selbst zum literarischen Werk und zu einem Dokument deutscher Gegenwartskultur. Immer wieder greift der 1964 geborene Autor Tegtmeyer aktuelle Debatten auf und bezieht Stellung. Mal redet er sich dabei in Rage wie in der Diskussion um das Holocaustmahnmal oder die Wiedereröffnung des Brandenburger Tors durch einen Modemacher. Meist analysiert er jedoch fein den Zeitgeist einer Generation, der die Utopien und das Engagement fehlen.
Was sollen die Literaten heute auch verfassen?, fragt Tegtmeyer bissig - ein Gedicht über die Schrecken der Arbeitslosigkeit, einen Roman über die Folgen der Globalisierung für die Ärmsten der Armen? Es fehle dafür in Deutschland derzeit an etwas Entscheidendem - dem Zorn. Sein Buch ist jedoch der beste Beweis dafür, dass in der Literatur Berlins diese Kampfeslust wieder aufflackert.

Grit Weirauch