Die westeuropäische Welt ist sich nicht bewußt, daß sowohl die vernunftmäßige Erkenntnis der Wahrheit als auch der volle künstlerische Genuß notwendig auf der Grundlage einer inneren Daseinstotalität ruhen müssen.
Ivan Kireevskijy, russischer Philosoph, 1852

400 Jahre sind wie ein Tag - Aufgelesenes vom Philosophus Teutonicus Jacob Böhme

Philosophie-Seminar von Unitarischer Akademie und Jugend- und Familienbildungswerk Klingberg e. V. vom 27. - 29. Oktober 2006 in der Jugend- und Bildungsstätte Klingberg
Klingt Ihnen das Thema zu betulich? Oder ist es zu brisant? Wir ZEITLOSEN haben ja eigentlich keine Zeit, uns mit dem ersten deutschschreibenden Philosophen aus Görlitz zu beschäftigen, der vor 400 Jahren lebte und erlebte, fühlte, schrieb – ein ungebildeter Schuhmacher, aber ein Autodidakt, etwas gebildeter selbstverständlich als wir Heutigen. Erst 100 Jahre nach der Reformation durch Luther lebend, der uns ja auch einen Blick in die ernstzunehmende hochdeutsche Sprache ermöglichte.  
 
Eigentlich war ja Jacob Böhmes Aufgeschriebenes nur für ihn selbst und ein paar seiner Freunde vorgesehen, aber das Geschriebene muß damals so brisant oder aufwühlend gewesen sein, daß seine Handschriften, handschriftlich vervielfacht, unter der Hand weitergegeben wurden. Zum Druck kamen sie erst lange nach seinem Tod, erst 120 Jahre später in Deutschland. Der einzige Versuch eines Freundes Jacob Böhmes Gedanken schon zu dessen Lebzeiten Verbreitung zu verschaffen, also zu drucken, endeten fast mit einem Fiasko: Bücherverbrennung, Verbannung.
 
Jacob Böhme – was für ein Poet! „Morgenröte im Aufgang...“ Was ist Morgenröte? -  Seine Zeitauffassung: „Wem Zeit wie Ewigkeit, und Ewigkeit wie Zeit...“ – Seine Beschreibung des Nichts oder Alles als „Ungrund“, als Gott oder seine Auffassung vom Leben in uns als Gottesverwirklichung  - oder sein Materialismus oder sein Atheismus oder sein Pantheismus. Oder seine Auffassung vom gemeinten Christentum. Lauter Fragen. Glaubte Böhme vielleicht die Reformation vollenden zu müssen?
Friedrich der Große, der wiederum 100 Jahre später lebte, schrieb, daß er, wenn er zu Luthers Zeiten gelebt hätte, darauf gedrungen hätte, daß der Reformator „bis zum Socinianismus vorgedrungen wäre, der erst recht eigentlich die Religion eines einzigen Gottes ist“, womit die Antitrinitarier der Reformationszeit gemeint sind, oder die Grundansichten der viel älteren Arianer.
„Vollendung der Reformation“ – Ideen wohl auch eines Thomas Müntzer oder auf anderer Ebene von Philosophen oder Glaube der „entsprungenen Theologen“ in der ersten Nachkriegszeit, man könne Reformationen zu Ende bringen...
Ob dieses Seminar „spannend“ wird?  Ob Gut und Böse eine unabdingliche Einheit bilden, wie Böhme meinte, und in „Gott“ zusammenfallen? Die Chance aller Semi-narteilnehmer ihre Fragen zu „verzetteln“, aufzuhängen, zu „veröffentlichen“, sie von Referenten beantwortet zu bekommen oder von den Mitteilnehmern – oder überhaupt nicht, weil uns keine Antwort aus unserer Zeit dazu einfällt. Auch das kann es vielleicht geben, - trotzdem eine ganz herzliche Einladung, mitzudenken!
 
Jacob Böhme ist erst 400 Jahre tot. Nichts spricht dagegen, daß wir ganz neue oder wenigstens 400 Jahre alte Einsichten bekommen. „Zeit ist die äußere Welt, das ist auch der äußere Mensch: und der innere Mensch ist die Ewigkeit und die geistliche Zeit und Welt.“ (Jacob Böhme: De Signatura Rerum oder von der Geburt und Bezeichnung aller Wesen)
 
 
 
Programm
 
Freitag, 27. Oktober 2006
 
18.00 Uhr Beginn mit einem gemeinsamen Abendessen
19.45 Uhr Stefanie Bressel, Bremerhaven
Jacob Böhme – Der Philosoph aus Görlitz
Biographische Einführung
20.30 Uhr Aurora – Ein Jacob-Böhme-Film
21.00 Uhr Vorstellungen und Einstimmung auf das
Böhme-Seminar
 
 
Sonnabend, 28. Oktober 2006
 
8.30 Uhr Frühstück
9.15 Uhr Sigurd Bressel, Bockenem
Außen und Innen – Meditation über das Wesen
von Gefäßen
Nachklang einer "Erleuchtung" Jacob Böhmes
vor 400 Jahren.
10.15 Uhr Wigmar Bressel, Bremerhaven
Heranführung an Jacob Böhmes Aurora oder
Morgenröte im Aufgang, das ist: Die Wurzel
oder Mutter der Philosophiae oder Beschrei-
bung der Natur, wie alles gewesen oder im An-
fang worden ist: wie die Natur und Elemente
kreatürlich worden sind, auch von beiden Qua-
litäten, bösen und guten...
(Auszug aus dem barocken Titel Jacob Böhmes)
Einführung, Lesung, Kommentierung
 
12.30 Uhr Gemeinsames Mittagessen und Pause
 
15.30 Uhr Kaffee / Tee und Kuchen
16.00 Uhr Prof. Dr. Hubertus Mynarek, Odernheim
Pantheistische Gedanken bei Jacob Böhme
Vortrag
18.00 Uhr Abendbrot
19.45 Uhr Günter Pahl-Keitum, Pinneberg
Jacob Böhme in der erzählenden Literatur
Ausgewählte Beispiele
21.00 Uhr Abendrunde
 
 
Sonntag, 29. Oktober 2006
 
8.30 Uhr Frühstück
9.15 Uhr Dr. Peter Jäckel, Berlin
Dialektisches Denken bei Jacob Böhme
Einordnung des Philosophus Teutonicus in die
Philosophie
Vortrag
11.00 Uhr Schlußrunde - (Letzte Zettelfragen) – Zusam-
menfassung
12.30 Uhr Mittagessen
 
Sind die zwei Seminartage über Jacob Böhme wie ein halber
Tag – und brauchen wir weitere 400 Jahre, um den Tag zu
vervollkommnen ? (siehe Einladungstitel)
 
 
 
Anmeldungen bitte ab sofort an
 
Sigurd Bressel, Wanneweg 17, 31167 Bockenem
auch Tel.: 05067 / 6424 oder Fax: 05067 / 6419
oder
Bildungsstätte Klingberg, Fahrenkampsweg, 23684 Scharbeutz-Klingberg
Tel. 045 24 / 9388 oder Fax 0 45 24 / 1483
 
 
Tagungskosten
(für 2 Übernachtungen, Vollverpflegung, Bettwäsche, Seminarkosten)
 
125 € im Einzelzimmer inkl. Bettwäsche
115 € pro Person im Doppelzimmer inkl. Bettwäsche.
 
(Erworbene Schlafgutscheine können eingelöst werden)
Dieses Seminar wird unterstützt durch die Carl-Kuhlmann-Stiftung der Unitarischen Akademie.