"In so wunderbarem Bunde mit den Tiefen unserer Seele steht das Gottesgewebe der Pflanzenwelt, daß es uns fast zum seelischen Organ wird."
Karl Foerster, ehem. Direktor des Potsdamer Schloßgarten

"Aus dem Schwerpunkt leben" - Leben und Werk des Heinrich von Kleists

Abendveranstaltung im Rahmen des Unitariertags 2005 am 14. Mai 2005 in Frankfurt/Oder

Text & Konzeption: Günter Pahl-Keitum

Ausführende: Vera Burkhardt, Anja Katharina Grumann, Katja Pilaski und Günter Pahl-Keitum

Ort: Ramada-Treff-Hotel Frankfurt/Oder

Zeit: 19.30 Uhr


Günther Pahl-Keitum
Heinrich von Kleist - Ein Dichter aus Frankfurt (Oder)

Der Unitariertag findet 2005 in Frankfurt (Oder) statt. In diesem Ort ist ein bekannter Dichter geboren. Wie man Goethe und Schiller der Stadt Weimar zuordnet, Hölderlin mit Tübin-gen verbindet oder bei Theodor Storm ganz selbstverständlich Husum wachgerufen wird, so ist die Stadt Frankfurt (Oder) unlöslich mit dem Namen Heinrich von Kleist verbunden. 1770 wurde er hier geboren. Sein Geburtshaus existiert nicht mehr, aber die Stadt hat sich dieses Sohnes angenommen, denn er hatte und hat seinen Rang als Dichter, Dramatiker, Erzähler, Lyriker und als Publizist. Vielerorts, nicht nur in Frankfurt (Oder), wird er geehrt; Skulpturen, Denkmale sind zu sehen und Straßen, Plätze, Schulen erinnern an ihn durch Namens-gebung. Im Frankfurter Theater widmete man sich ihm im besonderen Maße, und in der Kleist-Gedenkstätte Frankfurt (Oder) sind mehr als 5000 Bände aus In- und Ausland über das Phänomen Kleist einzusehen.
Mancher wird sich fragen: Ist Kleist, ein Klassiker, der Aufmerksamkeit wert? Muss ich ihn kennen?
Wer sich diesem Menschen und Künstler Kleist öffnet, der wird unweigerlich in eine ereignisreiche Lebensgeschichte und in das aufregende Werk hineingezogen. Gewiß, er ist kein Zeitgenosse unserer Tage. Er lebte vor 200 Jahren. Er ist ein überwacher und auch tragischer Repräsentant seines Zeitalters. Sein Werk, seine Tragödien, seine Lustspiele, Erzählungen, Novellen, Anekdoten und seine weltanschaulich originellen Essays sind nicht nur seine Botschaften an seine Zeit, sondern auch an eine Nachwelt. Seine Dichtungen sind ein verdichtetes Substrat aus einem kurzen, 34jährigen Dasein: Da schied er gemeinsam mit einer guten Freundin, einer unheilbar krebskranken Frau, freiwillig aus dem Leben.
Bis in unsere Tage haben Schriftstellerinnen und Schrift-steller ihre Anstöße durch Kleist empfangen: Ingeborg Bachmann schrieb nach Kleists Bühnenwerk „Der Prinz von Homburg" ein Opernlibretto für den Komponisten Hans Werner Henze. Christa Wolf, die von Bert Brecht und Anna Seghers beeinflusste sozialistische Schriftstellerin der DDR, läßt in ihrer Erzählung „Kein Ort, Nirgends" Kleist gleichfalls mit einer Vertreterin der damaligen deutschen Literatur, mit Karolin von Günderode, auftreten. Die Günderode hat sich einer enttäuschten Liebe wegen und angesichts eines depressiv stimmenden Zeitgeistes erdolcht. Christa Wolf ist - angestoßen durch die hohe und wachsende Selbsttötungsrate in der damaligen DDR (1979) - zu dieser Erzählung veranlaßt worden und hat sich so mit Kleist auseinandergesetzt.
Auch Hartmut Lange ist als Dramatiker mit einer Bühnenfassung nach Kleists Erzählung „Die Marquise von 0" unter dem Titel „Die Gräfin von Rathenow" 1969 bekannt geworden. Eine spannend nachdenkliche Mischform entstand zwischen Gesellschaftssatire, psychologischen Studien um die Emanzipation der Frau und politischen Allegorien.
Thomas Mann befand, Heinrich von Kleist „war einer der größten, kühnsten Dichter deutscher Sprache... völlig einmalig, aus aller Hergebrachtheit und Ordnung fallend",1981 vermerkt ein Wissenschaftler der DDR in einem Band zur Geschichte der deutschen Literatur: „Kleist hat wesentliche Symptome der zeitgenössischen sozialen Entwicklung gestaltet, die in den folgenden Literaturepochen immer wieder aufgenommen wurden."
Goethes häufiger Gesprächspartner und der von der Herzogin Anna Amalia als Prinzenerzieher an den Weimarer Hof geholte Christoph M. Wieland fällt eines der herausragenden urteile über Kleist und rückt ihn neben die griechi-schen Tragödiendichter Aischylos und Sophokles und neben Shakespeare.
Vielen von uns ist das Lustspiel oder die Verfilmung vom „Zerbrochenen Krug" gegenwärtig, ebenso wie „Amphitryon", die Verführungsgeschichte in der griechischen Götterwelt, ein Stoff, den Kleist nach Bearbeitung eines altrömischen Komödiendichters und nach Molière nachdenklich machend vertiefte, ohne ihm das Heitere zu nehmen.
Vielen werden die Titel auch heutiger Theaterspielpläne gegenwärtig sein wie „Das Käthchen von Heilbronn" und „Der Prinz von Homburg".
Nicht wenigen fällt im Zusammen-hang mit Kleist seine Abhandlung ein „Über das allmähliche verfertigen der Gedanken beim Reden" und die Ge-schichte des um sein Recht kämpfenden Pferdehalters „Michael Kohlhaas". Fast alle Erzählungen erfreuen sich eines ziemlich hohen Bekanntheitsgrades: „Die Marquise von 0", „Das Erdbeben von Chile", „Die Verlobung in St. Domingo", „Das Bettelweib von Locarno" und „Der Zweikampf". Ein Gedicht von Kleist „An die Königin von Preußen", diese kluge und schöne Frau, Luise von Preußen, ist in neuen Veröffentlichungen erneut thematisiert worden.
Heftig diskutiert bis in unsere Tage und heute politisch hoch aktuell ist ein Drama von Kleist, das die politische Situation seiner Zeit abbildet: Es ist die
Stimmung in Deutschland während der Besatzungszeit durch napoleonische Truppen (ab 1806). Heinrich von Kleist wählt Stoff Armin, Hermann der Cherusker, und seinen Sieg über die römischen Truppen unter Varus als Vergleich. Es ist die Zeit, in der Napoleon seinen Marsch nach Moskau plant. Überwiegend deutsche Soldaten wird Napoleon für diesen grausamen sinnlosen Winterfeldzug mobilisieren. Der Dramatiker Kleist lehnt sich gegen diese Tyrannei auf. Mit „Hermann" ist der preußische König oder doch der Staat Preußen gemeint. Die damalige politische Tendenz zielte auf die Überwindung der deutschen Kleinstaaterei und die Schmach der französischen Besatzung. Es geht um die Wiedererlangung der Selbstbestimmung des eigenen Staates. Aber vor allem rebelliert er, um die Gefahr abzuwenden, daß eine Generation der jungen Deutschen im fernen Land, in Rußland, für Napoleons „Europa“ oder „Frankreichs Ideen“ verheizt wird.
Aus den Dogmen und Sprüchen der herkömmlichen Religion steigt er aus. In und mit seinem Werk zeigt er für sich und für viele Menschen eine eigene neuere Sicht von Leben und Welt: In seinem tiefgründigen Aufsatz „Über das Marionettentheater" sieht Kleist im Bild der Marionette den Menschen, der auf den inneren Schwerpunkt horcht.
Kleist, der als Schriftsteller in seiner Zeit nicht anerkannt war, sich vergeblich um einen bürgerlichen Arbeitsplatz bemüht hatte, isoliert war von Familie, Fremden und Freunden, litt schwer unter den politischen Zuständen seiner Zeit. Sein Theaterwerk wurde nicht aufgeführt, und ein Teil wurde verboten. Er ging bewußt und aus freiem Entschluß seinem eigenen frühen Tod entgegen. Keine Klage über mißliche Lebensumstände, über sein Unerkanntsein. Ein glaubhaftes inneres Erlöstsein begleitet ihn froh bis zuletzt.

Artikel in "unitarische blätter" 01/2005