Wenn sich eine Entscheidung von mir in der Wirklichkeit als untauglich erweist, dann lasse ich den Gedanken zu, daß sich nicht die Wirklichkeit täuscht, sondern daß ich mich getäuscht habe... Die Vorstellung, in der Politik dürfe man sich nicht irren, ist Journalisten vorbehalten.
Gerhard Schröder, deutscher Politiker

Johannes Brahms

Musik-Seminar von Gartenhaus und Unitarische Akademie vom 3.-5. Januar 1986 im Gartenhaus Pinneberg

Der Einführungs-Vortrag in das Seminar des Journalisten Wigmar Bressel (in den Jahren 1999 und 2002 überarbeitet und aktualisiert) steht unter der Rubrik "Vorträge" auf dieser Seite zum kostenpflichtigen Herunterladen bereit.

35 Teilnehmer ließen sich am Wochenende rund um Johannes Brahms informieren
Als der geniale Komponist ein Nickerchen machte...

Von Susanne Rückstein

PINNEBERG. Weit über die Grenzen einer nüchternen Biografie hinaus vermittelte das erste Johannes-Brahms-Seminar im "Gartenhaus" des Pinneberger Grundschullehrers Günter Pahl am Wochenende Informationen über den großen norddeutschen Komponisten der Romantik. Den rund 35 Seminar-Teilnehmern, darunter kaum Pinneberger, wurden in Vorträgen und Gruppenarbeiten ein ausführliches und genaues Porträt des genialen Komponisten und heiteren, weltoffenen, oft listigen Menschen Brahms gezeichnet.
Zu verdanken ist diese gelungene musikkundliche Bildungsfreizeit zum einen ihrem Initiator Pahl, aber auch den Referenten. Aufgelockert wurden die Vorträge durch ein Bewegungs-Seminar des Choreographen Professor Roger George, der mit den Teilnehmern zwei Brahms-Werke in tänzerische Bewegungen umsetzte it dem Ziel, die Musik nicht nur zu hören, sondern auhc mit dem Körper zu fühlen.
Was wäre ein Brahms-Seminar ohne musikalische Darbietungen? Im Rahmen eines öffentlichen Liederabends am Sonnabend sangen Gertrud Hagge und Iris Vermillon, am Klavier begleitet von dem Preisträger im internationalen Brahms-Wettbewerb, Markus Fohr, Werke des Komponisten, und auch der junge Sänger Ulrich George, am Klavier begleitet von Professor Roger George, widmete sich dem Schaffen des Romantikers.
Das Lebenswerk und den Lebensgang des 1833 in Hamburg geborenen Komponisten schilderte der erst 15 Jahre alte Gymnasiast Wigmar Bressel. Er unterrichtete die Teilnehmer über Brahms' erste Konzertreise, als dieser als 20jähriger mit dem ungarischen Geiger Eduard Remény auf Virtuosenfahrten ging, schilderte Brahms' Liebe zu Clara Schumann, deren Ehemann Brahms viel zu verdanken hatte, und berichtete über die Veröffentlichung seiner ersten Sinfonie im Alter von 43 Jahren, der sich dann schnell weitere Sinfonien anschlossen.
Die Schriftstellerin, Dozentin und Journalistin Dr. Margarete Diercks stellte den Zusammenhang zwischen der Dichtung und Brahms-Musik heraus, zeigte seine Kompositionsweisen auf und verwies auf zahlreiche literarische Textvorlagen zu Brahms-Liedern.
Die jungen Studenten der Musikwissenschaft, Rüdiger Pohl und Ulrich Mutz, revidierten in ihrem Vortrag "Brahms und Wagner - nur scheinbare Antipoden" das verbreitete Urteil, Brahms und Wagner seien Gegner gewesen. Neue musikwissenschaftliche Veröffentlichungen geben Aufschluß darüber, daß beide sich hoch schätzten, achteten, wenn sie sich auch kritisch mit den Werken des anderen auseinandersetzten. Anhand von Musikbeispielen zeigten die beiden Studenten verwandte Kompositionen der beiden Meister.
Besonders viel Applaus erntete der Hamburger Brahms-Forscher und Träger der Johannes-Brahms-Medaille, Kurt Hoffmann, für seinen vitalen, heiteren Vortrag über Brahms' Anschauungen zu Kunst und Leben. Er las Auszüge aus dem von ihm selbst veröffentlichten Buch "Erinnerungen an Brahms".
Der Brahms-Freund und -Schüler Richard Heuberger hat im Tagebuchstil Gespräche mit Brahms niedergeschrieben und damit die Grundlagen für dieses Werk geschaffen, das erst viele Jahre nach Heubergers Tod 1971 veröffentlicht wurde und heute für die Brahms-Forschung ein wesentliches Werk ist.
Der 1815 geborene Heuberger schildert Brahms' Verhältnis zu anderen Meistern - "Mozarts Sinfonien sind teilweise bedeutender als die von Beethoven", "Haydn, das war ein Kerl", "Bruckner ist dumm und einem Pfaffen ähnlich", und bei einer Wagner-Oper passierte es dem Meister Brahms nach den Schilderungen Heubergers, daß er nach einiger Zeit ein Bierchen trinken mußte, ein halbes Stündchen in der Loge schlief und dann wieder fit war.
Heuberger schildert auch den strengen, aber gerechten Lehrer Brahms, der sogar das Mechanische des Schreibens für besprechenswert hielt und forderte, jeder Bogen, jedes Kreuz und natürlich jeder Notenschlüssel müsse genau "sitzen". "Meine von Brahms zerzausten Lieder habe ich nie veröffentlicht", gesteht Heuberger in seinen Aufzeichnungen.
Hofmann las ferner aus dem Kapitel um Brahms' späte Kompositionen, die deutschen Volkslieder und die "Vier ernsten Gesänge" nach Bibeltexten, die gleichzeitig eine Glaubensbekenntnis des Meisters waren, und referierte über Brahms' trübe Gedanken zur musikalischen Zukunft. 1896 meinte der Komponist: "Mir scheint, die Musik hört ganz auf."
Ähnlich negativ waren auch seine Gedanken über seine eigene Stellung in der Musikgeschichte. Mit viel Witz schildert Heuberger in dem Buch den heiteren Menschen Johannes Brahms. Er foppte gern andere, machte seine Witze über Mitmenschen - "wenn ihm keine guten einfielen, machte er einfach schlechte" - und beschreibt, wie Brahms sich einfachen Genüssen hingeben konnte.
Nach einer einfachen Mahlzeit meinte der füllige Komponist beispielsweise einmal, er bedauere, kein Wiederkäuer zu sein. Frozzeleien und Schneeballschlachten auf den vielen Landpartien des naturverbundenen Menschen kamen ebenfalls zur Sprache.

Artikel im Pinneberger Tageblatt, Seite 3, vom 06.01.1986