"Es ist ein großer Anfang, die Einheit zu denken."
G. W. F. Hegel, Philosoph

Die Jugend- und Bildungsstätte Klingberg

Ein Tagungsort und Kooperationspartner der UA

Von Ernst Mohnike

„Möge das Werk, dessen Grundstein wir heute legen, dem Menschen in aller gedachten Vielfalt dienen." Mit diesem Satz endet die Urkunde zur Grundsteinlegung der Jugendbildungsstätte. Ein sicherlich harmloser Satz, der immerhin aber bedeutet, daß die Verfasser kein festgelegtes Menschenbild vor Augen hatten, daß sie sich vielmehr zu einer Offenheit menschlicher Entwicklung und Entfaltung bekannten und damit auch zu einer Toleranz gegenüber den Möglichkeiten, die menschlicher Geist und Verstand bewirken und gestalten können.
Ein solches Verständnis fußt auf gesellschaftlichen Erscheinungen und Entwicklungen, die auch für das Entstehen und Werden des Ortes Klingberg wirkmächtig und verantwortlich waren: Es waren die epochalen Veränderungen der vorletzten Jahrhundertwende, die bei der Gestaltung der Jugendbildungsstätte nachklangen und die unter dem Eindruck neuerlicher Umbrüche und Umwertungen im Verlaufe der Nachkriegszeit neu belebt wurden.

In der Zeitschrift „Freie Religion/Der Humanist" wird die Zeitenwende des 19. Jahrhunderts so beschrieben: „Alles, wirklich alles wollte man ändern: ... Man gründete neue Religionsgemeinschaften, schloß sich mit gleichgesinnten Freundeskreisen zusammen. Die Wandervögel zogen aus `grauer Städte Mauern' in die Natur, in der man noch frei atmen konnte... Reformideen umfaßten die Naturheilbewegung, die Kleidungsreform, die Ernährungsreform, die Nacktkultur, die Frauenrechte, die Reformpädagogik, die Theaterreform und die sogenannten Neureligionen. Eine revolutionäre Neugestaltung des gesamten Daseins war angesagt."

Der deutsche Flügel der vor allem im angloamerikanischen, aber auch im südosteuropäischen Raum wirkenden Unitarier, zu deren geistigen Vätern die von der Gegenreformation liquidierten sogenannten Socinianer gehören, ist wesentlich von lebensreformerischen Gedanken geprägt.

Nicht unerheblich beeinflußt wurde diese Gedankenwelt durch die Arbeiten Friedrich Nietzsches. Er sprach angesichts der Entwurzelung vieler Teile der Bevölkerung durch die Industrialisierung und angesichts der geistigen Versteinerung der wilhelminischen Welt von der notwendigen „Umwertung der Werte". Auf Grund der aktuellen Entwicklungen in Wissenschaft und Technik kann deshalb nicht über-raschen, daß Nietzsche, wie auch die Philosophen Löwith und Sloterdijk, häufiger zitierte Philosophen im Rahmen der Bildungsstättenarbeit sind.

Wir leben wieder einmal in einer Zeit der Umbrüche: Wir erleben auch eine neue Art der „Industrialisierung", und es erscheint uns wesensnotwendig, diese Umbrüche - auch Widersprüche - diese Reibungen und Ungereimtheiten der Gesellschaft in unserer Seminararbeit aufzuarbeiten.

Dazu fühlen wir uns auch immer noch ermuntert durch die Grußworte eines leider verstorbenen unitarischen Freundes aus Leeds, England, Reverent Ben Downing, der anläßlich der Einweihung im Juni 1980 sagte: „Mit der neuen Kybernetik und Computertechnik will man immer extrapolieren und immer voraussehen - sei es Wetter oder Krankheit, sei es Gewinn oder Verlust... Es ist dies alles im Grunde unmenschlich. Man vergißt die Kunst, einfältig oder einfach zu sein - neugierig oder erstaunt zu werden. Hoffentlich haben Sie, liebe Freunde, in Klingberg eine Bildungsstätte, wo das Unvorhersehbare nicht ausgeschlossen wird, sondern wo vielmehr das Unerwartete Beifall findet, und wo man lernt, wie man wieder staunen kann."

Tatsächlich haben die Verantwortlichen des Hilfswerks der Deutschen Unitarier e.V., die unter Mithilfe des „Paritätischen Wohlfahrtsverbandes" Planung, Bau und Finanzierung zu verantworten hatten und haben, in Klingberg das Staunen nicht vergessen und erst recht nicht verlernt. Viele Gründe trugen dazu bei. Einerseits das Projekt selbst und der Bau, dessen Größenordnung und auch Gestaltung zwischenzeitlich weit über das eigentlich Gedachte hinausgeht. Die große Gruppe der Körperbehinderten bewirkte allein ein neues Denken und ein großes Lernen, das sich auch in dem behindertengerechten Bauen bemerkbar macht.

Dazu trugen auch die ca. 100.000 Menschen bei, die bisher das Haus besuchten, mit zum Teil selbstverantworteten Veranstaltungen: Oberstufenschüler, die sich aufs Abitur, Referendare, die sich aufs Examen vorbereiten, Lehrer, die mit der wieder einmal neuen „Reform" der Bürokratie fertigzuwerden versuchen; Auszubildende, die in ein Unternehmen integriert werden sollen; Kindergartenkinder, die das erste Mal ohne die Eltern verreisen, Jugendliche aus West- und Osteuropa, die versuchen, „Europäer" zu werden.
Den Anforderungen dieser Gruppen galt es zu begegnen, gerade auch baulich. Deswegen die im Verhältnis zu den gar nicht so zahlreichen Übernachtungsmöglichkeiten (insgesamt 75) große Zahl an kleinen und größeren Seminarräumen. Deswegen auch - um darstellendes Spiel, Meditation und Körperarbeit zu ermöglichen - die Mehrzweckhalle und ein großes Außen- und Spielgelände. Dieses - zur Erinnerung an unseren verstorbenen Landschaftsarchitekten und Freund „Wolf Metzner-Park" genannte - Gelände mit dem Zugang zum Staatsforst gibt tatsächlich winters (mit dem neu geschaffenen Rodelberg) wie sommers gerade Großstadt-Familien und Kindergruppen ein im Spielen nicht oft erlebtes Gefühl von Freiheit.

Zum nicht enden wollenden Staunen trugen allerdings auch Mitarbeiter und besonders die Zivildienstleistenden bei, die anscheinend exemplarisch die Entwicklung der aktuellen Gattung Mensch aufzeigen. Originalton: „Sie müssen das nicht so verbissen sehen, Herr Mohnike, mein Vater ist ja auch so einer, aber heute wollen die Zivis eben nur schnell fertig werden, ansonsten das Leben genießen."

Gegönnt sei es ihnen, aber wo bleibt eine Gesellschaft ohne die „Verrückten“, die Zeit und „Lebensqualität" opfern, um etwas zu tun, das über sie hinausgreift? Die sich etwa an Thomas Jefferson, dritter Präsident der USA, Unitarier und Verfasser der „Unabhängigkeitserklärung", orientieren? Von Jefferson stammt das Wort: „Frage nicht, was Dein Land für Dich tut, sondern frage, was Du für Dein Land tun kannst."

Diejenigen, die aus dem Brachland in Klingberg das machen wollten, was dem ursprünglichen Eigentümer, dem Wandervogel Theodor Becker, vorschwebte, waren solche „Verrückten". Sie bestimmten wesentlich den Weg hin zu einer Jugendbildungsstätte, als Anneliese Klokow-Becker, die Schwester und Alleinerbin, den Unitariern das Gelände geschenkt hatte. Und sie ließen sich von dem Ort und dem Gedanken einer veränderbaren Welt in einer eigenen Stätte anstiften.

Die alten Gestandenen und die jungen „Verrückten" fanden sich in dem Absatz der Urkunde zur Grundsteinlegung wieder, in dem es heißt: „Die zu leistende Arbeit soll auf unitarischen Grundgedanken aufbauen, insbesondere allerdings eine ganzheitliche Bildung fördern. Bildung wird dabei als das ‚ständige Bemühen' verstanden, ‚sich selbst, die Gesellschaft und die Welt zu verstehen und diesem Verständnis gemäß zu handeln." (Deutscher Bildungsrat)
In den Grundgedanken der Unitarier heißt es:
„Wir verstehen Religion als Grundbestandteil menschlichen Lebens. Religion betrachten wir als die Eigenschaft des Menschen, die ihn befähigt, seinem Leben einen Sinn zu geben. Unsere religiöse Haltung hat ihren Ursprung im Ergriffensein von einer Wirklichkeit, in der das Erforschliche und Unerforschliche zugleich enthalten sind. Dies gibt uns die Gewißheit, daß wir in einem Zusammenhang leben, der uns trägt und den wir mitgestalten können."

Historisch stehen die Unitarier in einem Zusammenhang, der mit Heraklit beginnt, der sich über die sogenannten Ketzer Pelagius, Meister Eckhart und Giordano Bruno fortsetzt, in der „Moderne" sich weiter entwickelt mit Isaac Newton, Friedrich II. v. Preußen, Immanuel Kant, Johann W. v. Goethe und in der Neuzeit eingeleitet wird von den US-amerikanischen Unitariern Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau.

Heute findet sich unitarisches Verständnis in großem Maße in einer Bewegung wieder, die ihren Namen von der „Ökologie" eines Ernst Haeckel übernom-men hat. Die mit dem Namen Haeckel ebenfalls verbundene monistische Weltschau erscheint Unitariern allerdings in der Regel als eine nicht die „ganze Realität" umfassende und damit auch überlebte Weltschau. Eine unitarische Weltschau versucht das Reale wie das Irreale, das Bedingte wie das Unbedingte und das zeitlich und räumlich Begrenzte wie eben auch das Unbegrenzte in Einem zu sehen und zu begreifen.

Dieses Universalverständnis hat der vor 400 Jahren auf dem Scheiterhaufen als Ketzer verbrannte Mönch Giordano Bruno auf wunderschöne Weise formuliert:
„Jede Erzeugung, von welcher Art sie auch sei, ist eine Veränderung, während die Substanz immer dieselbe bleibt, weil es nur eine gibt, ein göttliches unsterbliches Wesen... Da seht ihr also, wie alle Dinge im Universum sind und das Universum in allen Dingen ist, wir in ihm, es in uns, und so alles in eine vollkommene Einheit einmündet... Denn diese Einheit ist einzig und stetig und dauert immer; dieses Eine ist ewig; jede Gebärde, jede Gestalt, jedes ande-re ist Eitelkeit, ist wie nichts; ja geradezu nichts ist alles, was außer diesem Einen ist. Diejenigen Philo-sophen haben ihre Freundin, die Weisheit, gefunden, welche diese Einheit gefunden haben. Weisheit, Wahrheit, Einheit sind durchaus eins und dasselbe."

Der Text entstammt dem Buch von Gertrud Kummer: "Klingberg am See - von Obstbauern und Lebenskünstlern"
(siehe UA Multimedia)

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Das im Jahr 1980 erbaute Haupthaus der Jugend- und Bildungsstätte Klingberg mit Rodelberg und Spielplatz aus Richtung Nordwesten gesehen
Foto: Uwe-Jens Haß, Hamburg